25.01.2011
Der Titel mag Ihnen seltsam vorkommen, aber ich mache ganz neue Erfahrungen mit dem Essen. Es gehört zum Krankheitsbild bei ALS, dass Lähmungen der Zunge das Essen schwieriger machen. Auch Schluckbeschwerden gehören dazu. Nun habe ich das Glück, dass die Krankheit bei mir langsam voran schreitet. So ist es bisher bei der halbseitigen Lähmung der Zunge geblieben. In den letzten Monaten habe ich beobachtet, wie Kauen und Schlucken in der Mundhöhle ablaufen. Dabei ist mir klar geworden, welch komplexe Vorgänge sich abspielen. In den 60 Jahren meines Lebens habe ich darauf nie geachtet. Und weil ich davon ausgehe, dass die meisten Menschen das auch nicht tun, will ich hier davon berichten. Wir Menschen sind schon ein Wunderwerk - mehr als jeder PC! Aber leider merken wir es oft erst, wenn Sand im Getriebe ist! Wenn wir etwas essen, kauen wir und schlucken. Diesen Vorgang organisiert die Zunge weitgehend. Dass dieser "Organisator" bei mir halbseitig gelähmt ist, wirkt sich das auf das Sprechen und die Nahrungsaufnahme aus. Normalerweise schieben wir etwas in den Mund und die Zunge transportiert es zwischen die Zähne, dreht es, sammelt die Reste ein und schiebt sie erneut zwischen die Zähne. Wenn alles fertig gekaut ist, transportiert sie den Brei in Richtung Speiseröhre. Dieser Vorgang geschieht automatisch. Wir können zwar immer bewusst eingreifen und z.B. schnell etwas unzerkaut herunterschlucken, aber in der Regel verlassen wir uns auf den Organisator.
Durch die Lähmung der Zunge arbeite ich gewissermassen nur noch mit Halbautomatik. Das heißt, ich muß den Vorgang des Kauens, Transportierens und Schluckens bewusst steuern. Das verlängert die Mahl-Zeit manchmal um das Doppelte. Da die Zunge die Speisen nicht entgegen nimmt, schiebe ich mit der Gabel oder mit den Fingern das Essen gleich zwischen die Zähne. Das Kauen an sich ist kein Problem, aber die zerteilten Stückchen können von der Zunge nicht mehr eingesammelt werden. Darum esse ich lieber Speisen, die zusammenhängen bzw. nicht krümmeln. Das Kauen dauert auch länger. Ich denke mir, dass der Befehl zum Schlucken ausbleibt. Also muss ich den Transport auch bewusst wollen. So eine Mahlzeit ist richtige Arbeit. Da wohl auch die Kaumuskeln nicht mehr so kräftig sind, strengt eine solche Mahlzeit sehr an. Inzwischen bevorzuge ich Speisen, die ich ohne viel zu kauen direkt herunterschlucken kann. Meine Frau kocht wunderbare Suppen. Als Westfale esse ich natürlich Kartoffeln gern, inzwischen als Kartoffelbrei. Darin kann ich auch Gemüse oder Hackfleisch "einpacken". Ich will nicht alle Einzelheiten und Beschwerden beim Essen aufzählen. Ich möchte nur deutlich machen, wie perfekt wir konstruiert sind. Das könnte uns dankbar machen gegenüber unserem Schöpfer - grade weil das Essen so etwas Selbstverständliches ist. Guten Appetit!
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